Himmel mit Bäumen

Verreise mit mir

Carlas erste große Liebe war Ralf, ein junger Architekt, der einmal das Büro seines Vaters übernehmen sollte. Carlas Vater warnte sie vor einer zu frühen, endgültigen Bindung und riet ihr: „Verreise mit ihm und du lernst ihn schneller kennen als bei euren Wochenendtreffen!“ Seine Tochter wusste, dass er nach dem Ende einer Bildungsreise ihrer Mutter einen Heiratsantrag gemacht hatte.

Carla befolgte den Rat, weniger um ihrem Vater zu gehorchen als vielmehr, weil sie sich auf die Spanienreise, die Ralf für sie beide gebucht hatte, wirklich freute. Weniger Spaß machte ihr, dass Ralf sich überhaupt nicht auf die Reise vorbereitete, sondern sogar über ihre Touristik-Bücher und CD spottete:“Ich lasse mich einfach überraschen. Die Fahrt ist schließlich teuer genug.“ Stattdessen schrieb er Carla vor, was sie noch alles vor dem Abflug erledigen sollte. Als er ihr eine feuerrote „Beauty-Box“ schenkte, ging er auf ihre Frage:“Bin ich dir denn nicht hübsch genug?“ ebenso wenig ein wie auf ihre Richtigstellung: „Der hat doch in Mexiko gelebt!“, als er verlangte, sie solle Medikamente gegen „Montezumas Rache“ einpacken. Er bestand sogar darauf, dass sie ihre Studentenbude „piccobello“ aufräumte, denn dann sei das Heimkommen viel schöner. Da dämmerte es Carla dunkel, dass Ralf eigentlich dringend eine Partnerin brauchte, die ihn zu einem Minimum an Selbstkritik veranlassen würde. Ob sie dafür die Richtige war?

Heute hat Carla fast alles von dieser Studienreise derart intensiv verdrängt, dass selbst ein anspruchsvoller Psychologe seine Freude daran hätte. Unvergessen geblieben ist ihr jedoch Ralfs Antwort auf ihre Frage, warum sie sich nach den Museumsbesuchen von Barcelona, Sevilla und Córdoba auch noch den Prado in Madrid zumuten wollten:“Erstens ist er weltberühmt, zweitens hat er eine prima Klimaanlage und drittens haben wir dafür bezahlt.“ „Aber du gehst doch sonst nie in ein Museum!“ „Eben. Sieh dir doch die andern Gruppen an! Für die gilt deine Behauptung genauso.“ Damit hatte Ralf allerdings Recht gehabt.

Am selben Abend kam es dann im Laufe eines Flamenco-Abendessens zur Feier des Reiseabschlusses zum Eklat. Während Carla auf ihre Meeresfrüchte schaute, die sie trotz des schönen Namens eher an Spinnen, Vogelbeine und große Ohrenkneifer denken ließen, brach es aus ihr heraus:“Ralf, das ist mir alles viel zu vornehm! Lass uns das nächste Mal eine einfache Campingreise machen. Ich verspreche dir, dich fast hotelmäßig zu verwöhnen.“ Er starrte weiter auf die Gurgel der stampfenden Sängerin, deren Kehle arabisch anmutende Halbtöne produzierte, und erwiderte gereizt: „Das habe ich dir doch schon ausführlich erklärt. Nun wiederhole ich es speziell für dich: Meinen Bedarf an Camping habe ich bei der Bundeswehr lebenslänglich gedeckt. Verbring du mal drei Wochen in einem Zweimannzelt und immer, wenn ein Panzer auf der Ringstraße vorbeirollt, verfärbt sich dein grüner Erbseneintopf im Kochgeschirr staubgrau…“

Auf dem Rückflug war Carla Ralf längst nicht mehr böse. Was ihr Vater mit noch so vernünftigen Argumenten nie erreicht, sondern eher verschlimmert hätte, das war auf dieser Reise mit Ralf passiert: Sie fühlte sich wieder frei.

Der Zufall, den unsere Vorfahren oft Amor und seinem Pfeil zugeschrieben haben, wollte es, dass Ralfs elegantes Sport-Coupé auf der Rückfahrt vom Flughafen nach Hause bei strömendem Regen eine Panne hatte. Ein gutgelaunter junger Mann nahm sie in seinem Wohnmobil mit. „Da ich mir kein zweites Auto leisten kann, pendle ich mit meinem Camper zwischen der Arbeitsstelle und meiner Wohnung,“ erklärte er. „Und außerdem erinnert mich mein Camper das ganze Jahr lang an viele schöne Touren. Ich heiße übrigens Markus.“

Ist es noch eine große Überraschung, dass Carla und Markus heute ein glückliches Paar sind, das mit seinen Kindern möglichst oft auf Camping-Reisen geht? Sicher war es eine Fügung des Schicksals, dass Markus wehrdienstuntauglich und die Bundeswehr für weibliche Soldaten früher tabu gewesen war. Wenn Carla jetzt vor der Abreise ihr Schönheitsköfferchen öffnet, dann nicht um ihre Make-up-Ausrüstung zu überprüfen, sondern um noch eine Kindercreme hineinzutun, denn die rote „Beauty-Box“ hat sie längst wegen ihres Volumens zum Reisemedizinkoffer umfunktioniert. Nur gut, dass Ralf das nie erfahren wird!

Und abends nach der Ankunft auf dem Campingplatz, wenn die Kinder schlafen und sie mit Markus einen Gutenachtschluck trinkt, während die Sonne sinkt, gibt sie ihm einen Kuss und lächelt: „Ich bin wieder auf einem Prado- denn das heißt auf spanisch auch Wiese. Aber dieser Prado mit dir ist viel schöner als der in Madrid.“

Peter Tamme
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