Das Format

Besuch kommt. Ein Künstlerehepaar. Er, ein Grafiker, bringt eine Arbeit mit, ein sehr schönes Blatt, sogar mit einem persönlichen Bezug. Wir lassen es rahmen, natürlich. Da es ein extremes Hochformat hat, ähnlich wie ein Flügel eines Triptychons, sehr reizvoll, würde ein normalformatiger Bildträger ohnehin nicht passen. Und hier liegt schon die Wurzel der Problematik, vor die man sich beim Aufhängen eines solchen Formates gestellt sieht.
Ein dieser Arbeit angemessener Platz ist an der Wand nicht mehr frei. Also muss ein anderes Bild weichen, vielleicht eins, von dem man sich ohnehin trennen wollte. So weit, so gut. Aber das „gefeuerte“ Bild hat auf der Tapete seine Spuren hinterlassen, eine ausgebleichte Stelle im klassischen DIN-Format eines Bilderrahmens. Nein, das Blatt unseres Künstlerfreundes kann dort nicht hängen. Es würde den bleichen Fleck nicht ab-decken, und die ganze Schande eines seit längerer Zeit nicht renovierten Zimmers würde offenbar werden. Und das eigenwillige Format des Bildes würde auch an den anderen Wänden die gleichen Probleme aufwerfen. Es gibt kein Entrinnen.
Das ist eben die Folge, wenn man kreative Freunde hat. Denn sonst würde man doch einfach, wenn man ein neues Bild haben will, in eine Kunsthandlung gehen. Dort würden sie einem eine Reproduktion von Paul Klee oder Miro vorlegen oder ein Original von einem heimischen Künstler, und man würde sagen: „Alles sehr schon. Verblüffend, wie hier die Spannungsbögen unserer Existenzbedrohungen umrissen, wie unsere Ängste mit wenigen Mitteln signalisiert werden. Wie unter Verzicht auf dekorative Elemente gerade in der Sparsamkeit im Umgang mit Effekten ein optisches Szenarium von großer Ausdruckskraft ausgebreitet wird. Fabelhaft. Das Problem ist nur, ich brauche ein Bild 30 x 40 Zentimeter, wissen Sie, wegen der verblichenen Stellen auf unserer Tapete.“ Und unter Hinzuziehung eines Zollstockes wäre das Problem schnell gelöst.
So aber bleibt uns nichts anderes als die Renovierung, vor der wir uns so lange gedrückt haben. Wenn das keine Verneigung vor der bildenden Kunst ist! Das Format des Künstlers und seines Bildes fordert eben seinen Tribut.
Das Blatt jenes Freundes hat übrigens ein ironisches Sujet. Und so wie sich die Ironie seiner Arbeit manchem Betrachter vielleicht nicht gleich erschließt, so vielleicht die Ironie dieser Zeilen dem Leser. Aber mit diesem Risiko muss ich leben.

Sebastian

copyright Heidi Kemp